Südsucht
Der Text ist leicht verändert im aktuellen Falstaff erschienen, als Essay über die Mittelmeer-Sehnsucht des Nordeuropäers. Weil die Urlaubssaison naht, bringe ich ihn hier auch.
Gute Birnen hab’ ich gespeist; aber ich sehne mich nach Trauben und Feigen. (Johann Wolfgang von Goethe, Italienische Reise)
Aber hier leben, nein danke. (Tocotronic, Pure Vernunft darf niemals siegen)
Wir wollten eine Woche in Neapel sein und sind knapp drei Jahre geblieben. Erst ist das Boot wegen schlechten Wetters nicht abgefahren, das uns nach Sizilien bringen hätte sollen, dann haben wir die Wohnung mit dem Garten gefunden: zwei Terrassen, hoch am Hang unterhalb der Sternwarte, insgesamt vielleicht 400 Quadratmeter, Zitronen, Orangen, Mandarinen, Olivenbäume, eine Kaki und eine Feige, blühende Büsche und im Winter ein Meer von Blumen, davor und darunter erst die Stadt, dann der Vesuv, das Meer, die Bucht und Capri. Die Miete war spottbillig, wir waren fast jung und hatten gerade nichts anderes vor.
Wir sind an einem heißen Julitag fix eingezogen. Am ersten Abend sind wir hinunter in die Stadt spaziert und haben auf einer Steinstiege über einer Tankstelle schwitzend scharfe Muscheln und gekochten Oktopus gegessen, zwischen alten Palästen und einer riesigen Straße, im Benzindampf und Lärm der vorbeirasenden Mopeds und dem Stimmengewirr hunderter flanierender Menschen. Es war herrlich.
Ich habe mich in meiner Zeit in Neapel oft gefragt, warum Nordeuropäer das Mittelmeer so lieben. Zugegeben, über Spanien, Griechenland oder Marokko kann ich nicht viel mehr als andere sagen, aber über Süditalien kann ich ein bisserl was erzählen.
Meistens ist es ziemlich anstrengend.
Der Verkehr in Neapel ist furchtbar, weil jeder parkt, wo er will, gern in der zweiten und dritten Reihe oder auf der Busspur. Mit dem Auto dauert es eine unabsehbare Zeit, irgendwohin zu kommen. Noch schlimmer ist nur die U-Bahn, die an den besten Tagen unregelmäßig fährt, und wenn es regnet oft gar nicht. Wenn Sie es doch schaffen, Ihr Ziel zu erreichen - ein Geschäft, ein Restaurant, ein Museum, ein Büro - hat es oft aus unerfindlichen Gründen ohnehin zu (Wetter zu schön? Keine Lust gehabt?).
Dazwischen freuen Sie sich über Mitmenschen, die ihre Hunde am Kinderspielplatz Gassi führen und Parkplätze auf der Straße oder die Wartenummern im Postamt verkaufen. Die Straßen sind kaputt und schmutzig, die Wohnungen aber blitzsauber, weil ihre Bewohner den Dreck gern von drinnen nach draußen kippen. Die Mopeds fahren überall, auch in der Fußgängerzone.
Manchmal aber ist es atemberaubend schön.
Ich kann es nicht besser sagen: in Süditalien ist alles extremer und intensiver. Es ist, als ob jemand den Lautstärkeregler und die Farbsättigung des Lebens nach oben gedreht hat. Das Licht ist kräftiger, die Sonne wärmer und das Meer blauer, die Abende länger und die Nächte schwüler, und das Essen ziemlich oft besser.
Ich bin zeitig in der Früh, so gegen halb zehn, mit dem Moped erst zu meinem Fischhändler gefahren, um Gamberi Rossi, Seeigel oder noch lebende Zackenbarsche für später zu kaufen, dann in mein Gemeinschaftsbüro in einem Palast aus dem 17. Jahrhundert, wo ich meist im Schatten uralter Palmen auf der Terrasse geschrieben habe.
Am Nachmittag sind wir gern zum Posillipo gefahren, der Stadtteil im Westen von Neapel, wo die Küste steil in ein blaues Meer fällt, sind von den Felsen geschwommen und haben danach in der Sonne lauwarmen Oktopussalat gegessen; Oder wir sind einfach in unserem Garten gesessen, haben den schneebedeckten Gipfel des Vesuvs angesehen und den Duft der Zitronenblüten geatmet. Kitschig? Sicher. Klischeehaft? Bestimmt. Aber halt auch wahr.
Zwei Jahre, nachdem wir hergekommen sind, ist unsere Tochter geboren. Ein Jahr später sind wir aus Süditalien wieder nach Wien gezogen. Wir haben es kommen gesehen, es war eine große Erleichterung, und es ist uns trotzdem schwer gefallen.
Selbst die schlechten Seiten haben hier nämlich ihr Gutes. Dass nichts funktioniert und doch alles geht, hat einen Zauber, dem sich der Nordeuropäer schlecht entziehen kann. Es erschüttert ihn in seinen Grundfesten - was stimmt noch nicht von all den ewigen Wahrheiten, die er in der Schule gelernt hat? Je nach Einstellung kann einen das wahnsinnig machen - oder ziemlich entspannt. “Non ti preoccupare”, mach dir keine Sorgen, ist der Satz, den ich in Neapel sicher am öftesten gehört habe. Am Ende wird alles gut, und wenn nicht alles, dann zumindest der Kaffee.
Und da ist eine tiefe Liebe zu anderen Menschen, eine ehrliche Freude am Zusammensein. Sie macht glücklich und ist die Voraussetzung, eine italienische Strandbar im August zu überleben. Beides - die Gelassenheit und die Menschenliebe - ist für Außenstehende schön anzusehen und schwer bis gar nicht mitzuleben. Und beides fehlt mir immer, wenn ich nicht in Neapel bin. Mindestens so wie die Sonne und die scharfen Muscheln, die schwüle Nacht und der Blick auf Capri.
Ich habe auch ein Buch über Neapel geschrieben. Es heißt “Tutto Napoli - der Geschmack der Stadt”, hat den Deutschen Kochbuchpreis gewonnen, ist trotzdem mehr als ein Kochbuch, und kann hier bestellt werden. Alle Fotos hier und im Buch sind von Peter Mayr.




Dss Leben war damals schön - so wie heute :-)